Kontext
EINE NEUGIERIGE SUCHBEWEGUNG
Zwei Jahre lang haben wir – das sind 15 Stipendiat:innen aus den Sparten Regie, Dramaturgie, Komposition, Dirigieren, Kulturmanagement, Libretto, Bühne und Kostüme – zusammen Musiktheater erlebt, diskutiert, gelacht, uns geärgert, reflektiert, uns in Perspektivwechseln geübt, gestaunt, bis spät in die Nacht Gedanken gewälzt und schlussendlich drei Musiktheaterwerke zum Thema Schere-Herz-Papier entwickelt. Hier stellen sich, stellvertretend für unseren Jahrgang, Jonas Weber (Regie), Linda Kokkores (Libretto), Pia Preuß (Bühne und Kostüme), Sarah Franke (Projektmanagement), Teresa Martin (Dramaturgie), Ilya Ram (Dirigieren), Lea Willeke (Regie), Clara Bauer (Dirigieren) und Giulia Fornasier (Dramaturgie) vor.
Redaktion: Giulia Fornasier, Teresa Martin I © Jonas Weber, Akademie Musiktheater heute
Wo kommst du her, wo willst du hin?
Jonas: Ich komme aus dem Sprechtheater, aus einer neugierigen, unsicheren Suchbewegung. Ich habe vor, auch weiterhin nicht zu finden. Ich möchte als Theaterschaffender arbeiten und meinen Teil dazu beitragen, die Welt zu befragen und umzubauen.
Linda: Meine Faszination galt immer der/den Sprache/n. Ich habe ein Zuhause im Film gefunden und viele weitere durch das Schreiben und Übersetzen für Bühne, Audioformate und literarische Hybride. Ich will in Bewegung bleiben und für jede Geschichte das passende Medium finden.
Pia: Ich komme aus dem Handwerk, der Mode, der Liebe zur Musik und Popkultur sowie der Neugier nach Kultur jeglicher Sparte. Ich möchte mich nicht festlegen, wohin mein Weg mich führt. Gerne möchte ich Teil interdisziplinärer Kunstformen sein, ohne die Grenzen bestimmter Genres. In Bewegung bleiben will ich auch, das klingt schön.
Sarah: Meine Leidenschaft für das Organisieren und meine Neugierde auf verschiedene Themen haben mich in die Kulturarbeit und ins Kulturmanagement geführt. Besonders faszinieren mich die darstellenden Künste und Musik, die es ermöglichen, in den zahlreichsten Facetten und Formen eine Bandbreite an Themen zu verhandeln und das Leben anderer Menschen zu bereichern. Dabei treibt es mich stets an, mit Künstler*innen zu arbeiten, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, Austausch zu schaffen und Zugänglichkeit zu ermöglichen.
Ilya: I come from everywhere, but music and friends have always been my home. I’ve always been fascinated by people in every aspect and found that conducting is where both my heart and my sorrows lie. I wish to explore more cultures and meet more people who will experience this fascination with me, hopefully together through art.
Giulia: Ich komme aus der Philosophie und hatte den Luxus, Musiktheater für mich neu und ohne Vorurteile entdecken zu können, fast zufällig. Der Beruf der Dramaturgie existiert in Italien nicht, oder man fängt gerade erst an, über diese mythologische Kreatur der Dramaturgie zu reden. Dabei kann ich das kritische und analytische Denken auf kreative Weise und zusammen mit Menschen mit großer Freude weiter ausüben. Zusammen. Was mich interessiert ist, weiter kritisch zu bleiben, infrage zu stellen, sich nicht zu versteifen, Erzählungen in der Welt zu verbreiten und Musiktheater mit begeisterten und neugierigen Augen immer weiter verstehen zu können.
Beschreibe deine Vision von einem Musiktheater heute!
Jonas: Es ist spontan, dynamisch, unprätentiös, doof und berührend. Es ist reflektiert und arbeitet kontinuierlich an seinen Leerstellen. Es übernimmt Verantwortung. Es spendet Hoffnung und ist breit aufgestellt. Alle Menschen fühlen sich dazu eingeladen, nicht immer gleich viel, aber es ist für jeden einmal was dabei.
Linda: Jonas hat es auf den Punkt gebracht. Musiktheater heute ist zugänglich und offen für alle.
Clara: Es geht mit den Ressourcen der Welt schonend um. Es überrascht die Zuhörer*innen positiv und bringt Menschen zusammen. Kunst gibt es seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte, was mich immer wieder darauf zurückkommen lässt, dass es lebensnotwendig ist.
Pia: Ich kann Jonas, Linda und Clara nur zustimmen. Gerade die Zugänglichkeit für viele wäre meine Vision eines Musiktheaters heute. Themen zu finden, die das Interesse verschiedener sozialer und kultureller Gruppen wecken und inspirieren – und natürlich Musik, die berührt.
Sarah: Meine Vision für ein Musiktheater heute verbindet all diese Aspekte. Es ist ein Ort der Begegnung und des Austauschs, wo Kreativität und Diskussion keine Grenzen kennt. Das Musiktheater darf anecken, soll flexibel sein, die Chancen der Verbindung verschiedener Genres unbedingt aufgreifen und die Grenzen austesten. Dabei die Gesellschaft abzubilden und zukunftsgerichtet zu handeln, sollte selbstverständlich sein. Es stellt sich immer wieder die Frage: Was kann Musiktheater, und ab wann ist es genau das?
Lea: Meine Vision des zeitgenössischen Musiktheaters ist solidarisch, gleichberechtigt und nachhaltig. Solidarisch, weil viele Künste an der Entstehung und Aufführung beteiligt sind, was ein einzigartiges Zusammenwirken unterschiedlicher Ideen und Perspektiven ermöglicht. Zudem bringt Musiktheater die aus vielen Nationen bestehende Weltfamilie auf die Bühne und fördert dadurch den internationalen Austausch und das gegenseitige Verständnis. Gleichberechtigt, um Inszenierungen zu schaffen, die Stereotype vermeiden und keinen Raum für sexualisierte Gewalt bieten. Nur so kann ein sicheres und respektvolles Umfeld für alle Beteiligten gewährleistet werden. Nachhaltig, weil wir uns der begrenzten Ressourcen bewusst sein müssen und verantwortungsvoll mit diesen umgehen sollten, um auch die Zukunft des Musiktheaters zu sichern.
Teresa: Ich wünsche mir ein Musiktheater, das faire Arbeitsbedingungen bereitstellt, das frei ist von Diskriminierungen auf und hinter der Bühne, das bestenfalls als offener Ort der Demokratie funktioniert, das anregt zu Diskussionen, in dem also wirklich etwas – gerne auch kontrovers – verhandelt wird.
Ilya: Ich schließe mich den Meinungen der anderen hundertprozentig an! It allows through creativity, emotionality and multisensory experience to reconstruct power structures so that the future Musiktheater could do the same to the Musiktheater heute.
Giulia: Ich kann mich meinen Kolleg:innen nur anschließen. Theater ist lebensnotwendig? Dann bitte für alle. Es ist die Selbstausprägung einzelner Egos auf der Bühne und im Zuschauerraum, welche die Kultur nur als elitäre Möglichkeit für die wenigen ausmachen und wofür diese nicht als wesentlich für Gesellschaften und Menschen anerkannt – und gefördert – wird.
Wie würdest du für dich den Unterschied zwischen Musiktheater und Oper beschreiben?
Jonas: Uiuiui… Oper kommt mir erstmal starrer, prestigeträchtiger und institutionalisierter vor. Die Oper ist Musiktheater, aber Musiktheater ist nicht immer Oper?
Linda: Oper verbinde ich mit einer spezifischen Form von Gesang und dem Versprechen von Tradition und Opulenz. Musiktheater erlaubt, dass die Mittel der Bühne, der Inszenierung und der Musik sich gegenseitig beeinflussen.
Sarah: Mir fällt eine Differenzierung ähnlich schwer wie Jonas. Oper ist Teil des Musiktheaters, doch das Musiktheater kann und weiß noch mehr… vielleicht als Versuch aus dem Bauch heraus: Oper ist eine traditionsreiche Kunstform mit festen Strukturen und meist klassischer Musik, die oft ein spezialisiertes Publikum anspricht (nicht zuletzt wegen des Genrenamens selbst). Musiktheater als Begriff hingegen ist breiter gefasst, flexibler und experimenteller, integriert verschiedene Musikstile, Kunst- und Theaterformen und zielt darauf ab, ein vielfältiges Publikum zu erreichen. Während Opern eher historisch geprägt sind, zeichnet sich Musiktheater durch moderne Inszenierungen und innovative Ansätze aus.
Lea: Idealerweise gibt es keinen Unterschied zwischen Musiktheater und Oper, und die Begriffe können als Synonyme verwendet werden. Wir müssen den Begriff Oper von seinem verstaubten Image befreien und ihn in die Gegenwart holen. Oper kann und sollte genauso aktuell, vielfältig und dynamisch sein wie jede andere Form des zeitgenössischen Musiktheaters.
Teresa: Vielleicht ist das auch der springende Punkt; die Frage, warum überhaupt noch ein Unterschied existiert. Für mich symbolisiert das zusammengesetzte Wort Musiktheater eine Gleichgewichtung von Musik und Theater, die in meiner Musiktheaterarbeit unheimlich wichtig ist. Weder die Musik noch das Spiel sollen im Prozess der Erarbeitung einer Inszenierung zu kurz kommen, und trotzdem sieht man sich gerade im Opernbetrieb oftmals konfrontiert mit einem starren Verständnis von Werktreue (Whatever this is!) und der Parole »prima la musica«.
Ilya: But like you say, Teresa, I think that is part of the main difference. It is also not a Musiktheaterbetrieb (which it should be today!). Ich glaube, wenn etwas als Oper benannt wird, dann ist die musikalische Komposition vordergründig wichtig. Oper ist eine Art von Musiktheater. Doesn’t mean that the lines don’t blur
Welche Themen, Figuren, Klänge möchtest du auf der Opernbühne sehen und hören?
Jonas: Ich würde schon gerne mal Popmusik »veropert« sehen – Taylor Swift trifft Hochkultur oder so. Oder mal Kanonstücke ordentlich schreddern und neu zusammensetzen?
Linda: Ich möchte Geschichten von Freund:innenschaft, Momente der Solidarität und Freiheit durch Spielen und Experimentieren sehen. Ich will Medea hören, die eine Baglama spielt, Texte von Kae Tempest und Warsan Shire zu einer singenden Säge und dass ein Orchester in einem Autobahntunnel spielt.
Clara: Ich möchte endlich keine festgefahrenen traditionellen Geschlechterrollen mehr sehen. Ich möchte höchste kammermusikalische Qualität hören.
Pia: Ja – Popmusik!! Ich frage mich immer wieder, warum erfolgreiche oder sagen wir etablierte Musiktheater oftmals in nur drei Sparten aufgeteilt sind: Oper, Neue Musik und Musical. Die Aufführungsart eines Musiktheaters ist so reizvoll, dass ich mir so sehr wünschen würde, einen Abend voller Jazz, Hip-Hop oder Punk zu sehen, gepaart mit Neuer Musik und Oper, dazu Tanz und Spiel – das öffnet die Grenzen. Außerdem würde ich sehr gerne Themen sehen, die unseren unmittelbaren Alltag widerspiegeln sowie die Behandlung des Musiktheaters an sich. Wie kann man elitäre Machtstrukturen der Kulturbranche von innen brechen, um so vielleicht auch ein Publikum zu erreichen, das keinen musischen oder kulturgeförderten Background hat. Themen und Figuren, mit denen sich Menschen von heute identifizieren können.
Sarah: Ich freue mich darauf, neue Geschichten auf der Bühne zu erleben und auf Menschen, denen Kultur am Herzen liegt. Drama und spannende Erzählungen spiegeln auch heute noch das Leben rund um den Globus wider. Das Eintauchen in fremde Welten und das Mitfiebern oder Rätseln sind der Zauber des Theaters. Es ist der »perfekte« Mix aus großem Theater, Raritäten, Familientheater, Unterhaltung und Moderne. Musikalisch bin ich sicher, dass ich viele Neuentdeckungen machen werde. Immer wieder die vertraute Playlist zu hören, ist schön, doch das Herz wird höher schlagen, wenn ich sie um neue Lieblingsstücke erweitern kann. Wie ein Gärtner, der seinen Garten stets durch neue, faszinierende Blumen bereichert, werde ich meinen musikalischen Horizont erweitern und mich über jede neue Entdeckung freuen.
Lea: Oft spiele ich in meinem Kopf »Inszenierungs-Bingo«. Und viel zu oft muss ich Felder ankreuzen, wie »Frau wird begrapscht«, »Frau wird unvermittelt vergewaltigt« oder »zehn Männerhände berühren eine Frau«. Ich wünsche mir Aufführungen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen und kreative Inszenierungsansätze finden, die keinen Raum für tatsächliche Übergriffe auf der Bühne zulassen. Ich möchte, dass wir Geschichten erzählen, die ein junges Publikum ansprechen, in denen es sich wiedererkennen kann und nicht vor Scham oder Belustigung im Theatersessel versinken muss.
Ilya: I also just sometimes want to be entertained! I hate being bored, I want to experience something! Just to add to what everyone else said, I think it’s very clear to all of us what we don’t want to see or hear anymore and what we want is exactly this multitude of possibilities that makes us (or at least me) excited (and hopeful!) to work together.
Wie würdest du deine Arbeitsweise, deine Funktion beschreiben?
Jonas: Ich sehe Regie immer mehr als eine möglich machende Funktion, die erstmal Räume schafft. Ich habe selten eine feste Vision, sondern möchte die Zusammenarbeit, Ästhetik und Aussagen jeweils individuell aushandeln. Für mich ist es nicht wichtig, meinen Kopf durchzusetzen, sondern sich auf Augenhöhe als Künstler*innen zu begegnen und sich auseinanderzusetzen.
Linda: Schreiben ist die Versprachlichung von oft nonverbalen Welten, Zuständen, Gefühlen und Ideen. Sprache schafft Wirklichkeit, reproduziert, eröffnet neue Potenziale und unterliegt einem ständigen Wandel. Meine Aufgabe ist es, im Austausch mit Ein- und Ausdrücken zu stehen und verschiedene Perspektiven und Narrative zu beleuchten. Ich halte mich an den komplexen Schnittstellen zwischen geschriebener und gesprochener Sprache auf und experimentiere meistens mit transmedialen Adaptionen von Text.
Clara: Ich gebe den Musiker*innen Sicherheit und eröffne ihnen die Möglichkeit, entspannt und voller Risikofreude miteinander zu musizieren. In der Vorbereitung und im Probenprozess sehe ich meine Aufgabe darin, die Verflechtung von Szene und Musik so fein wie möglich zu gestalten.
Pia: Kostümdesign ist oft zwischen Kunst und Dienstleistung angesiedelt. Ich würde meine Arbeit als angewandte Kunst betrachten. Im besten Fall erweitere ich in enger Zusammenarbeit mit allen Gewerken und Kunstformen eine Figurenfindung, ohne meine Vision von Kunst aufzugeben. Da das Kostüm nun einmal den Körper betrifft, missinterpretieren viele Kostümdesign mit Care Arbeit. Wir sorgen für die Unterstützung der Rolle, aber auch für das Wohlbefinden der Darsteller*innen – damit kann ich leben, aber es sollte nicht zum Prinzip werden oder die künstlerische Arbeit in den Hintergrund drängen.
Sarah: Kulturmanagement ist für mich eine Kombination aus Kommunikation, Liebe zum Detail und dem Blick für das Große und Ganze. Meine Arbeitsweise ist geprägt von einer strukturierten und kreativen Herangehensweise, die Organisation und Flexibilität kombiniert. Ich lege großen Wert auf sorgfältige Planung und effektive Kommunikation, um sicherzustellen, dass alle Projekte reibungslos ablaufen und die gewünschten Ziele erreicht werden. Dabei arbeite ich gerne in interdisziplinären Teams und schätze den Austausch verschiedener Perspektiven, um innovative Lösungen zu entwickeln.
Lea: Als Regisseurin schaffe ich ein Umfeld, in dem Teamarbeit und kreativer Austausch im Mittelpunkt stehen. Alle Ideen werden anerkannt, wertgeschätzt und gemeinsam weitergesponnen, bis am Ende ein Netz entstanden ist, das sich bei den Proben weiterentwickelt. Am besten gelingt das natürlich mit viel Zeit, gutem Essen und warmherzigen Menschen.
Ilya: Everything Clara said. I think conducting/musikalische Leitung is a great word because we function as conduits for others. We are interpreters whose function lies more in the psychological flow and energy. It is setting a personal example and maintaining it no matter what because we are there to enable others. We do it in rehearsal through words and feelings and on stage with our bodies. But I love what Clara said about risk-taking.
Teresa: Ich sehe mich, ähnlich wie Jonas, als Möglich-Macherin, aber auch als Vernetzerin von Menschen, Themen, Ideen der Vergangenheit und Gegenwart. Als Dramaturgin bin ich oft erste Ansprechpartnerin, Feedbackmaschine und Ideengeberin. Und das alles, so wie von meinen Mitstipendiat*innen beschrieben, am liebsten auf Augenhöhe!
Giulia: Der Beruf der Dramaturgie entwickelt sich gerade sehr stark. Er besteht nicht mehr in einer allwissenden Enzyklopädie, sondern ist vielmehr Teil des kreativen Teams. Ich habe die Erfahrung gemacht, sowohl als freischaffende als auch als festangestellte Dramaturgin zu arbeiten. Die Arbeit gestaltet sich immer ein bisschen anders, man vertritt sich selbst, sein Kollektiv, sein Team, ein Ensemble, ein Haus in einer Stadt. Was Dramaturgie bedeutet, ist sehr viel davon abhängig, wie man den Job gestalten und welche Rolle man spielen will. Ich habe aber für mich gelernt, dass es mir besonders wichtig ist, Verantwortung und Agency zu übernehmen, und das nicht nur für mich als individuelle Person, sondern für das »Kollektiv«, wofür ich da bin.
Ein Projekt der
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